Kiezgrün

Module für vertikale Begrünung im urbanen Raum

Das Projekt Kiezgrün stellt einen innovativen
Ansatz zur Gestaltung resilienter, gesünderer und menschenzentrierter Städte dar. Es adressiert zentrale Herausforderungen urbaner Räume wie steigende Temperaturen, versiegelte Flächen, Luftverschmutzung sowie die Entfremdung des Menschen von seiner natürlichen Umgebung. Kiezgrün ermöglicht es selbst kleinste und scheinbar unbrauchbare Flächen in pflanzenbasierte Mikroökosysteme zu verwandeln. Viele Studien belegen, dass der Kontakt mit der Natur einen nachweislich positiven Einfluss auf das psychische Wohlbefinden, die mentale Gesundheit, den Umgang mit Stress sowie die soziale Stabilität hat (Bratman et al. 2019). Kiezgrün knüpft damit an ein grundlegendes menschliches Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit und einer Verbindung zur Natur an.

(Bild © FORUST)
3D gedrucktes Holzverbundwerkstoffpaneel

(Bild © Dor Kedmi)
3D gedruckte Gebäudestruktur aus gesäter Erde

Das Projekt verortet sich klar im Spannungsfeld zwischen Klimakrise, Urbanisierung und der Suche nach Low-Tech-Selbstwirksamkeit. Es fragt nicht nach Effizienz, sondern nach Resonanz:

Wie kann Gestaltung Räume schaffen, die nicht nur funktional, sondern regenerativ wirken, ökologisch als auch sozial?


Die Antwort ist ein System, welches Natur dorthin zurück bringt, wo sie am meisten fehlt, zu uns direkt in den Alltag. In einer Zukunft, in der über 80 Prozent
der Menschen in Städten leben und Wohnräume weiter schrumpfen, bieten solche platzsparenden, modularen Begrünungskonzepte ein hohes Innovationspotenzial. Sowohl für Wohnräume als auch für öffentliche Einrichtungen ist es eine Schnittstelle von nachhaltiger Stadtentwicklung, partizipativer Gestaltung und sozialer Innovation.

Ausgangspunkt der Materialforschung war der Anspruch, ein Trägermaterial zu schaffen, das durchwurzelbar, formstabil und möglichst biologisch
abbaubar ist. Erste Versuche mit Zellulose-Stärke-Gemischen, Kompost und Hydrogelen offenbarten einen grundlegenden Zielkonflikt: War das Material formstabil, sank die Keimfreudigkeit; bei poröser Struktur litt die Stabilität. Diese Erkenntnisse machten deutlich, wie eng technische und biologische Anforderungen verknüpft sind.

Inspiriert von Zellstrukturen orientiert sich das Erscheinungsbild des Systems an der Voronoi- Geometrie. Diese ermöglicht eine offene, licht- und luftdurchlässige Struktur, die sowohl funktionale als auch visuelle Qualitäten aufweist. Die organische Ästhetik macht das System vielseitig einsetzbar, Räumlich anschlussfähig und sie lädt zur Interaktion ein. Die Module sollen nicht nur dekorieren, sondern Beziehungen stiften: zwischen Mensch und Pflanze, Raum und Handlung, Innen und Außen.

Die entscheidende Wendung brachte das Filament Growlay, ein industriell gefertigtes Material mit Holzpartikeln, kapillarer Struktur und offenzelliger Oberfläche. Im FDM-Verfahren (Fused Deposition Modeling) konnte Growlay so parametriert werden, dass licht- und luftdurchlässige Module mit feiner, filigraner Struktur entstanden. Die Optimierung von Drucktemperatur, Düsengröße, Stützstrukturen und Feuchtigkeitsgehalt war entscheidend für die funktionale Qualität. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt war die Befestigung der Module. Erstea Tests auf grobmaschigem Polyester zeigten gute Haftung, da sich das im Filament enthaltene PLA um die Fasern legte. Auch feinere Naturstoffe wie Leinen oder Baumwolle waren geeignet, sofern sie stark gespannt wurden. Dennoch erwies sich eine vom Trägermaterial gelöste Modulform als vielseitiger und verstärkt zugleich die Identifikation der Nutzer:innen mit dem Objekt.


Aktuell liegt die Herausforderung in der technischen Weiterentwicklung: Das bestehende Filament ist funktional, aber nicht biologisch abbaubar – ein Zielkonflikt, der kritisch reflektiert werden muss. Auch die Vereinfachung des 3D-Druckprozesses zurzeit noch im FDM Verfahren, etwa durch stützstrukturarme Geometrien, steht im Fokus. Gleichzeitig eröffnet die Modularität neue Möglichkeiten – etwa für Bildungsräume, in denen Formen, Farben und Pflanzen gezielt auf Lerninhalte abgestimmt werden können. 

User Story: Kiezgrün

An einem heißen Sommertag klebt Lara ein braunes Voronoi-Modul an ihr Bürofenster. Es ist kein gewöhnliches Deko-Element, sondern ein kleines Wunder aus Technik und Natur. Das Modul wurde aus einem innovativen, biologischen Substrat-Filament im 3D-Druckverfahren hergestellt. Es ist flexibel, leicht und haftet dank Saugnäpfen auf der Rückseite an fast jeder Oberfläche. Und es wartet nur darauf, Leben hervorzubringen.

Lara hat das Produkt als fertiges Set gekauft. Enthalten sind eine Kiezgrün-Kapsel, eine Sprühflasche und eine Samenmischung mit Kräutern und Wildpflanzen. Sie befeuchtet das Modul zwei Tage lang im Wasserbad und bestreut es anschließend mit den gewünschten Samen, die zwischen den organischen Strukturen in den Hohlräumen haften bleiben. Für die Keimung legt sie das Modul weitere zwei Tage in eine Dose. Danach drückt sie es an die Fensterscheibe. Bereits nach wenigen Tagen sprießt frisches Grün. Zuerst die Kresse, dann die Rucola, und auch ein Hauch von Zitronenmelisse ist schon wahrnehmbar. Ihr Fenster
verwandelt sich in einen kleinen Garten.

Die Pflanzen beginnen zu wachsen, beschatten das Fenster, kühlen den Raum in unmittelbarer Nähe durch Transpiration und erhöhen die Luftfeuchtigkeit in der sonst trockenen Umgebung. Der Unterschied ist deutlich spürbar. Es fühlt sich frischer, angenehmer und natürlicher an.

Laras Kolleginnen und Kollegen bleiben neugierig stehen. „Ein Kräutergarten am Fenster?“, fragt einer. „Ohne Erde?“ Lara lächelt und erklärt, wie einfach es war. Kein Bohren, kein Aufwand, nur Wasser, Licht und das mitgelieferte Set.


Was als kleines Experiment begann, ist für Lara heute
ein fester Bestandteil des Alltags geworden. Fensterbeschattung, Raumklima-Verbesserung und frische Kräuter in einem. Flexibel, nachhaltig und ästhetisch. Und wenn das Kiezgrün-Modul irgendwann ausgedient hat, genügt es, die Module zu zerkleinern und als Pflanzensubstrat in Blumenerde unterzumischen.